Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Neusprachliche Südasienstudien
SAI|Südasien-Institut
Arian Hopf

Arian Hopf

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Research

Dynamiken des Religionsbegriffs im Urdu im kolonialzeitlichen Südasien

In seinem Werk The Meaning and End of Religion konstatiert Wilfred Cantwell Smith dem Religionsbegriff des Islam eine Ausnahmestellung. Anders als die übrigen sog. Weltreligionen habe der Islam bereits in seiner Entstehungsphase einen komparativen Religionsbegriff entwickelt, der dem kontemporären Konzept von Religion vergleichbar sei. Diese seither mehrfach wiederholte These wird insbesondere aus dem koranischen Gebrauch des Begriffs di¯n abgeleitet. Allerdings ignoriert diese These sowohl eine historische Einbettung des Islam als auch die Vielfalt an Auslegungen des Koran und reduziert so den Islam auf eine zeitlose Essenz. Ziel dieses Dissertationsprojekts soll daher eine Historisierung und De-Essenzialisierung aus regionaler Perspektive sein. Im Rahmen des Projektes sollen anhand von Urdu-Quellen die im 19. Jahrhundert in Südasien auftretenden Umdeutungsprozesse des Islam untersucht werden.
Der seit Ende des 18. Jahrhunderts wachsende Einfluss der britischen Kolonialmacht sowie die Auseinandersetzung mit christlichen Missionaren stellten die dortigen Muslime vor neue Herausforderungen: Der Kontakt erforderte die Übersetzung islamischer (aber auch christlicher) Konzepte, um einen Austausch überhaupt zu ermöglichen. Islamische Konzepte wurden gemäß dem europäischen, universalisierten Konzept von Religion übertragen, sodass der Islam als eine diesem Konzept konforme Religion präsentiert werden konnte. Wenngleich die verschiedenen Neuinterpretationen jeweils eine Uniformierung des Islam anstrebten, nahmen sie dennoch verschiedene Ausprägungen an, aus denen sich mehrere widerstrebende Reformbewegungen herausbildeten. Dabei scheint sich eine Ausdifferenzierung dreier zuvor verflochtener Zweige – der Rechtstradition (fiqh), Philosophie (kala¯m) sowie des Sufismus – zu zeigen.
Die ?Ali¯gar?h-Bewegung um Sayyid Ah?mad H_a¯n (1817-1898) bildet als eine dieser Reformbewegungen das Zentrum der Dissertation. Da in der vorliegenden Forschung diese Reformansätze fast ausschließlich entweder auf das Ziel einer Aussöhnung der Muslime mit der britischen Kolonialmacht nach der Mutiny von 1857 oder aber auf eine reine Adaption westlicher Ideen reduziert wird, wird dieser Bewegung implizit die Legitimität einer islamischen Reform abgesprochen. Ganz anders jedoch als bisherige Arbeiten vorwiegend konstatieren, zeichnen sich die Werke aus dem Kontext der ?Ali¯gar?h-Bewegung durch einen deutlichen Bezug zur Philosophie-Tradition aus. Insbesondere Ibn Rus?d (1126-1198), der in der islamischen Welt bis zum 19. Jahrhundert kaum rezipiert wurde, spielt dabei eine zentrale Rolle. In seinen Werken betont er die Vernunft als Mittel zur Erschließung der Welt, das noch über der Offenbarung, aber immer in Einklang mit derselben verortet wird. Dies ermöglichte den Reformern des 19. Jahrhunderts eine Angliederung an den europäischen Wissenschaftsdiskurs sowie an die Tradition der natürlichen Religion, in der Religion als eine universale und rational erfassbare Essenz mit verschiedenen Ausprägungen in der Welt begriffen wird, ohne jedoch den Rahmen der islamischen Tradition zu verlassen. Mittels dieser Übersetzungsprozesse konnten islamische Konzepte konform sowohl mit dem universalisierten europäischen Religionskonzept als auch mit der islamischen Tradition präsentiert werden.
Diese Prozesse sollen anhand einer Analyse der ?Ali¯garh-Bewegung untersucht werden, um die These einer „Verwestlichung“ und damit die Delegitimation als islamische Reformbewegung kritisch zu hinterfragen, sodass folglich auch die inhärente Annahme einer orthodoxen Form des Islam sowie der daraus folgenden Essenzialisierung infrage zu stellen und stattdessen auf die Pluralität des Islam hinzuweisen ist.

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