Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde 2001

Marcus Nüsser (Bonn)

Bildvergleiche und Kulturlandschaftsentwicklung am Nanga Parbat (Nordpakistan)

Das Gebirgsmassiv des Nanga Parbat (8126 m) im nordwestlichen Himalaya stellt seit langer Zeit ein Gebiet wissenschaftlicher Untersuchungen dar, die in den Jahren 1934 und 1937 im Zusammenhang mit bergsteigerischen Expeditionen durchgeführt wurden. Aus den Forschungsunternehmungen resultieren grundlegende Arbeiten, die bis heute zu den wichtigsten regionalen Grundlagen gehören und geeignetes Material für Vergleichsstudien zur Entwicklung der Kulturlandschaft bieten. Hier sei vor allem auf die Geländevermessung und die morphologischen Arbeiten von Richard Finsterwalder mit dem Ergebnis topographischer Karten in den Maßstäben 1:50.000 und 1:100.000 (Finsterwalder 1936) sowie auf die Vegetationsaufnahme von Carl Troll mit dem Resultat einer mehrfarbigen Vegetationskarte (Troll 1939) hingewiesen. Damit wurde der Nanga Parbat zur ersten außeralpinen Hochgebirgsgruppe, die eine derartig detaillierte kartographische Bearbeitung erfahren hat. Wesentliche Ergebnisse dieser Expeditionen stellen auch die umfangreichen, nur teilweise veröffentlichten Photographien dar. Das Bildmaterial von Troll dokumentiert vor allem Aspekte der Vegetation, Landnutzung und Siedlungsstruktur. Daher erweisen sich viele seiner Aufnahmen als besonders geeignet, um Kulturlandschaftsveränderungen durch Wiederholungsaufnahmen zu dokumentieren. Die drei gezeigten Bildvergleiche illustrieren die Differenziertheit des Landschaftswandels im Gebiet des Nanga Parbat und die Möglichkeiten einer photographischen Dokumentation.

Fig. 1     Veränderung des Dorfes Rupal zwischen 1934 und 1994

 

Beispiel 1: Das Dorf Rupal

Der erste Vergleich zeigt die Entwicklung von Siedlungs- und Vegetationsstrukturen im Bereich des Dorfes Rupal im Süden des Massivs. In der Umzeichnung der originalen Photographien (Fig. 1) wird die deutliche Vergrößerung der Siedlungsfläche und der starke Waldrückgang im zentralen Bereich erkennbar. Verstreut in der Feldflur, vor allem aber entlang der Wege lässt sich jüngere Bebauung feststellen. Der 1934 noch vergleichsweise ausgedehnte Bestand hochstämmiger Koniferen (v.a. Pinus wallichiana) ist bis auf wenige Einzelexemplare und Wacholder-Gebüsche (Juniperus semiglobosa, J. turkestanica) verschwunden. Die Interpretation dieser Veränderungen erfordert einen Rückgriff auf die historische Entwicklung der Landnutzung in diesem Tal. Bedeutsam ist vor allem die Tatsache, dass der Ort Rupal noch 1934 als Sommersiedlung genutzt wurde (vgl. Troll 1939) und sich erst in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einem ganzjährig bewohnten Dorf entwickelt hat (vgl. Nüsser und Clemens 1996). Der mit dem Bevölkerungswachstum einhergehende Bedeutungswandel von einer saisonal zu einer permanent bewohnten Siedlung macht die festgestellte Veränderung der Vegetation durch den erhöhten Brenn- und Bauholzbedarf der Bevölkerung erklärbar. Die siedlungsnahen und leicht erreichbaren Waldbestände des Nanga Parbat unterliegen generell einem enormen Nutzungsdruck (vgl. Clemens 2001).

Photos 1 und 2           Der Mushkin Forest

Oben: Aufnahme von C. Troll  (14.5.1937) Unten: Aufnahme von M. Nüsser  (6.9.1995)

 

Beispiel 2: Der Mushkin Forest

Der zweite Bildvergleich (Photos 1 und 2) zeigt den Mushkin Forest im Osten der Nanga-Parbat-Gruppe und dokumentiert einen starken Expositionsunterschied zur Vegetation der gegenüberliegenden Seite des unteren Astor-Tales. Einen mar-kanten Orientierungspunkt bietet der im Hintergrund der linken Bildseite gelegene Dichilfinger (4460 m). Der vorwiegend nordexponierte Hochwald mit Kiefern (Pinus gerardiana, P. wallichiana), Fichten (Picea smithiana) und Tannen (Abies pindrow) bedeckt den oberen Hang im mittleren und rechten Bildbereich. Im Vergleich zwischen beiden Photos wird ein erheblicher Druck auf die untere Waldgrenze erkennbar, die sich durch Einschlag der siedlungsnahen Trockenkiefern um etwa 150 m nach oben verschoben hat. In den höher gelegenen Waldbereichen lassen sich keine deutlichen Veränderungen nachweisen, auch die Lichtungen scheinen weitgehend unverändert. Auf der gegenüberliegenden Seite des Astor-Flusses wird die südwestexponierte Flanke von weitflächig dominierenden Artemisia brevifolia-Zwerggesträuchen und einzelnen Wacholdergruppen (Juniperus semiglobosa) in den steileren Felsbereichen geprägt, die anhand einer fleckigen Textur erkennbar sind. Diese schwer erreichbaren und siedlungsfern gelegenen Bestände zeigen nur einen leichten Rückgang im unteren Bereich.

 

Beispiel 3: Astor Bazar

Der dritte Vergleich (Photo 3 und 4) zeigt die Entwicklung des Bazars im zentralen Ort Astor, östlich des Nanga Parbat. Das historische Panorama wurde bereits in der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin publiziert (Troll 1938, Abb. 4). Kolonialzeitlich wie gegenwärtig stellt Astor sowohl ein wirtschaftliches und politisch-administratives Zentrum als auch einen bedeutenden Militärstützpunkt dar. Die Bebauung besteht daher fast ausschließlich aus Bazarzeilen, Verwaltungs- und Militärgebäuden. Im Siedlungsbild lässt sich eine Verdichtung und erhebliche Flächenerweiterung auf den flachen Hangbereichen erkennen. Die Bautätigkeit zwischen 1937 und 1995 ist mit einem deutlichen Rückgang der Pappeln verbunden. Auf dem flachen Moränensporn im rechten Bildbereich ist in der Aufnahme von Troll noch das Fort von Astor (2345 m) zu sehen, das heute durch einen größeren militärischen Komplex ersetzt ist. Darunter sind in der Wiederholungsaufnahme die Turbinenzuleitungen eines Kleinkraftwerks zu erkennen. Am rechten Bildrand lässt sich eine Ausdehnung der Kulturflächen durch den Bau eines neuen Bewässerungskanals feststellen. In diesem Bereich sind zahlreiche Grundwassergehölze hinzugekommen. Die Kulturterrassen im halblinken Vordergrund der Aufnahme 1937 sind rezent aufgelassen, dagegen zeigen die mit Artemisia-Zwergstrauchgesellschaften bewachsenen Moränenhänge im linken Bildhintergrund lokale Neuanlagen von Bewässerungsland.

Die Bildvergleiche aus dem Nanga-Parbat-Gebiet verdeutlichen, dass sich die Dynamik des Landschaftswandels mit Wiederholungsaufnahmen gut dokumentieren lässt. Bedingt durch das Bevölkerungswachstum ist die jüngere Kulturlandschaftsentwicklung in fast allen Tälern durch den Ausbau der Siedlungs- und Bewässerungsflächen gekennzeichnet (vgl. Nüsser 1998, 2000). Eine Limitierung der Kulturlandexpansion durch das Wasserpotenzial ist in den meisten Fällen noch nicht erreicht. Mit der Intensivierung der Bewässerung ist die lokale Ausdehnung von Grundwassergehölzen entlang der Kanäle und unterhalb der Kulturterrassen verbunden. Über den etwa 60-jährigen Zeitschnitt zeigt die Veränderung der Waldgesellschaften deutliche Unterschiede in verschiedenen Höhenstufen und Talschaften. In den meisten montanen Koniferenwäldern lässt sich ein allmählicher, zum Teil aber auch ein drastischer Waldrückgang durch Übernutzung nachvollziehen, wobei die siedlungsnah gelegenen Waldareale generell stark degradiert sind. Bei einer zusammenfassenden Bewertung der Kulturlandschaftsdynamik sind sozioökonomische und historische Informationen sowie regionale Kenntnisse unverzichtbar. Nur eine Kombination der vergleichenden Bildanalyse mit Kartierungen und Befragungen erlaubt fundierte Rückschlüsse hinsichtlich der Ursachen der dokumentierten Entwicklung. Geeignete historische Bildsammlungen bieten eine gute Grundlage.

Photos 3 und 4 Der zentrale Ort Astor

Oben:  Aufnahme von C. Troll (3.6.1937)  Unten:  Aufnahme von M. Nüsser (7.9.1995)

 

Literatur

Clemens, J. 2001: Ländliche Energieversorgung in Astor: Aspekte des nachhaltigen Ressourcenmanagements im nordpakistanischen Hochgebirge. – Bonner Geographische Abhandlungen 106

Finsterwalder, R. 1936: Die Formen der Nanga-Parbat-Gruppe. – Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 71: 321-341

Nüsser, M. 1998: Nanga Parbat (NW-Himalaya): Naturräumliche Ressourcenausstattung und humanökologische Gefügemuster der Landnutzung. – Bonner Geographische Abhandlungen 97

Nüsser, M. 2000: Change and persistence: contemporary landscape transformation in the Nanga Parbat Region, Northern Pakistan. – Mountain Research and Development 20: 348-355

Nüsser, M. und J. Clemens 1996: Landnutzungsmuster am Nanga Parbat: Genese und rezente Entwicklungsdynamik. In: Kick, W. (Hrsg.): Forschung am Nanga Parbat. Geschichte und Ergebnisse. – Beiträge und Materialien zur Regionalen Geographie 8: 157-176

Troll, C. 1938: Der Nanga Parbat als Ziel deutscher Forschung. – Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 73: 1-26

Troll, C. 1939: Das Pflanzenkleid des Nanga Parbat. Begleitworte zur Vegetationskarte der Nanga-Parbat-Gruppe (Nordwest-Himalaja) 1:50.000. – Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Deutschen Museums für Länderkunde zu Leipzig, N.F. 7: 149-193

 

Dr. Marcus Nüsser, Geographisches Institut der Universität Bonn, Meckenheimer Allee 166, 53115 Bonn