Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Forschungsprojekt

Regierbarkeit in Indien nach der Unabhängigkeit: Ein Vergleich sechs indischer Bundesstaaten

Mitglieder der Forschungsgruppe: Prof. Subrata K. Mitra (Leiter), Dr. Madhabi Roy, Clemens Spieß M. A., Karsten Frey.

Projektdauer/Fördeungszeitraum: 01.10.1996 bis 30.09.1999

Gefördert durch: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

1. Ziele des Projekts

Das Hauptziel des Projekts besteht darin, eine generelle Theorie der "Regierbarkeit" zu entwickeln und diese in einer Fallstudie zu sechs indischen Bundesstaaten (Punjab, Bihar, West Bengalen, Tamil Nadu, Maharashtra und Gujarat) in einer vergleichenden Perspektive zu testen. Die allgemeine Fragestellung ist dabei die folgende: Warum ist es Indien - im Vergleich zur Mehrzahl postkolonialer Staaten - gelungen, ein hohes Maß an Regierbarkeit zu erlangen? Warum nahm die Regierbarkeit in einigen Teilen Indiens wieder ab? Welche politischen Maßnahmen und welche Staatsstrukturen fördern Regierbarkeit?

2. Begründung des Projekts

Der Rückgang von Regierbarkeit ist ein Indikator für die Infragestellung der Legitimität und Autorität eines Staates beziehungsweise einer bestimmten staatlichen Ordnung durch Individuen und/oder sozialer Gruppen sowie für den bevorstehenden Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Allgemein gesehen genoß Indien während der fünfziger Jahre ein hohes Maß an Legitimität und Regierbarkeit. Während der sechziger und siebziger Jahre dagegen erlebte Indien einen zunehmenden Verfall von Legitimität und Regierbarkeit, der sich in maoistisch motivierten Antisystem-Agitationen, gewaltsam ausgetragenen sozioreligiösen Konflikten und Kastenunruhen manifestierte. Die sogenannte "Emergency" von 1975 bis 1977, die zeitweise die demokratischen Grundrechte einschränkte, ist ein Beweis dafür, daß ein Verfall der Legitimität des Staates auch von "oben", das heißt der Regierungsebene, ausgelöst werden kann. Das Ende der "Emergency" und die Wiederherstellung der demokratischen Grundordnung in Indien zogen jedoch nicht in allen Bundesstaaten auch eine Wiederherstellung von Legitimität und Regierbarkeit nach sich. Stattdessen bietet Indien heute ein kaleidoskopartiges Bild von nebeneinander existierender Ordnung und Unordnung, Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, Regierbarkeit und Unregierbarkeit sowie akzeptierter staatlicher Legitimität und Herausforderung derselben. Die Zerstörung der Babri Moschee in Ayodhya 1992 und die fortwährenden Unruhen und Guerillaaktionen in Kaschmir auf der einen und die zunehmende Fragilität der indischen Parteienlandschaft auf der anderen Seite sind lediglich die schlagzeilenträchtigsten Beispiele für die Probleme der Regierbarkeit, die das Indien von heute kennzeichnen. Regierbarkeit ist jedoch nicht nur für die soziale und demokratische Entwicklung Indiens von Bedeutung, sondern auch für die Herstellung einer geeigneten Basis für die anlaufende Liberalisierung der indischen Wirtschaft und ihre Integration in den Weltmarkt. Im Hinblick auf Investitionen in Indien, das oftmals als neuer Wachstumsmarkt in Asien portraitiert wird, ist das Problem der Regierbarkeit und der Legitimität des indischen Staats somit auch für deutsche Unternehmen relevant, die sich in der Region engagieren.


Das Projekt untersucht diese angesprochenen Probleme auf der Basis einer aufzubauenden Datenbank. Es sollen dabei Ergebnisse herausgearbeitet werden, die einen Beitrag zur Optimierung und Stärkung derjenigen Institutionen, Verwaltungsabläufe und politischen Entscheidungen leisten, die direkt mit der "Produktion" von Regierbarkeit befasst sind.

3. Ansatz

Politikwissenschaftliche Studien zu "Regierbarkeit" arbeiten in der Regel mit aggregierten Daten auf der Makroebene, ohne den Zusammenhang mit der Mikroebene genügend in die Untersuchungen miteinzubeziehen. Auf der Mikroebene aber finden wir den individuellen politischen Akteur, dessen Ansichten und Präferenzen letztlich ausschlaggebend sind für das Vorhandensein (beziehungsweise Nicht-Vorhandensein) von Regierbarkeit. Das geplante Projekt wird daher auf einem akteurzentrierten Ansatz aus der Spieltheorie basieren: Das rationale Individuum als ein dem "homo oeconomicus" vergleichbarer "homo politicus" wird als Analyseobjekt in den Vordergrund gestellt. Seine Perzeptionen von Recht und Ordnung bildet die wichtigste Erklärungsvariable für den Grad an Regierbarkeit in verschiedenen politischen Systemen. Durch die Konfrontation dieser auf der Mikroebene gewonnenen Daten mit den aggregierten Daten der Makroebene soll das Wechselspiel zwischen beiden Ebenen nachgeprüft werden.

4. Grundlagen

Als Grundlage der Analyse wurde zunächst durch Feldforschungen in Indien eine umfangreiche Datensammlung zu den sechs ausgewählten indischen Bundesstaaten aufgebaut, die sich auf Statistiken, Umfrageergebnisse und Archivmaterial stützt. Zur Ergänzung dieses auf Primär- und Sekundärquellen basierenden Materials führten Prof. Mitra und Dr. Roy in der zweiten Phase des Forschungsprojekts vor Ort in Indien semistrukturierte Leitfaden-Interviews mit Vertretern nationaler und regionaler politischer Parteien, Gewerkschaften, politischer Bewegungen sowie weiterer NGOs und der Verwaltung durch. Die hierbei erzielten Ergebnisse wurden durch eine mit Hilfe des Centre for the Study of Developing Societies (CSDS) in New Delhi bereits durchgeführte repräsentative Umfrage in den sechs ausgewählten indischen Bundesstaaten ergänzt.

5. Gegenwärtiger Stand

Der Förderungszeitraum wurde im September 1999 abgeschlossen. Zur Zeit arbeitet das Forschungsteam an der weiteren Analyse der erhobenen Daten und Interviews. Eine Publikation der erzielten Ergebnisse wird für das Jahr 2003 erwartet.

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